Warum jetzt
Fast jede Tradition beschreibt einen Zustand, in dem es gut ist. Und in fast jeder steht dabei, dass er nicht für später gedacht ist. Das wird meist überlesen.
Der Unterschied zwischen Ziel und Vertröstung
Ein Ziel, das in unbestimmter Zukunft liegt, verlangt nichts. Man kann darauf warten, sich darauf freuen, es predigen — und dabei alles so lassen, wie es ist. Ein Ziel, das jetzt gilt, verlangt sofort etwas. Das ist ein erheblicher Unterschied, und er entscheidet darüber, ob eine Idee die Welt verändert oder nur beruhigt.
Historisch ist die Sache eindeutig: Die Aussicht auf später war immer das wirksamste Mittel, Menschen im Hier ruhig zu halten. Wer Besserung erst nach dem Tod erwartet, stellt heute keine Fragen. Das gilt für religiöse wie für politische Heilsversprechen gleichermaßen — die Vertröstung auf die klassenlose Gesellschaft funktionierte nach demselben Muster.
Umso bemerkenswerter ist, was in den Quellen selbst steht.
Der Befund
In den Grundtexten praktisch aller großen Traditionen findet sich ein starker Strang, der das Ziel ausdrücklich ins Hier verlegt: als Zustand, der jetzt erreichbar ist, oder als Auftrag, der jetzt gilt. Und in praktisch allen wurde dieser Strang später vom Jenseits-Strang überlagert.
Dass es nicht auffällt, hat einen einfachen Grund: Man liest immer nur die eigene Tradition, und dort steht beides nebeneinander. Erst wenn man sie nebeneinanderlegt, sieht man das Muster.
Such dir aus, was dich angeht. Jede Stelle ist verlinkt — du kannst in deiner eigenen Ausgabe nachlesen.
Buddhismus
Das Ziel ist ausdrücklich zu Lebzeiten erreichbar — der Überlieferung nach hat der Buddha es selbst als Lebender erreicht, nicht im Tod. Die Mahayana-Tradition geht weiter: Nagarjuna hält fest, dass Samsara und Nirvana keine zwei getrennten Orte sind. Dieselbe Welt, anderer Zustand.
Und das Bodhisattva-Gelübde kehrt die Richtung ganz um: nicht eingehen, solange andere noch leiden. Freiwillig hierbleiben und weiterarbeiten.
Christentum
Die Pharisäer fragen wörtlich, wann das Reich Gottes komme. Die Antwort weicht der Zeitfrage aus und nennt stattdessen einen Ort:
„Man wird nicht sagen: Siehe hier oder da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“
Lukas 17,21 — Luther 1545
Und im meistgesprochenen Gebet der Welt steht kein Wunsch, sondern eine Ortsangabe:
„Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.“
Matthäus 6,10 — Luther 1545
Nicht: hol uns hier raus. Sondern: hier soll es werden wie dort.
Gnosis · Nag Hammadi
Im Thomasevangelium fragen die Jünger nach dem Zeitpunkt. Die Antwort räumt die Frage weg:
„Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält … sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“
Thomasevangelium, Logion 113 — Nag Hammadi NHC II,2
Und an anderer Stelle, fast ungeduldig:
„Jene, nach der ihr Ausschau haltet, ist bereits gekommen, aber ihr erkennt sie nicht.“
Thomasevangelium, Logion 51 — Nag Hammadi NHC II,2
Hinduismus
Es gibt einen eigenen Fachbegriff dafür, dass Befreiung mitten im Leben eintritt und nicht erst danach: Jivanmukti — Befreiung bei Lebzeiten. Wer sie erreicht, heißt Jivanmukta.
Und die Bhagavad Gita rät nicht zum Rückzug aus der Welt, sondern zum richtigen Handeln mitten in ihr:
„Dein Beruf ist es freilich, das Werk zu tun … aber verfalle auch nicht in Untätigkeit.“
Bhagavad Gita 2,47 — deutsch von Paul Deussen und Otto Strauss (gemeinfrei)
Islam
Hier ist die Sache differenzierter, und das gehört gesagt: Dschanna, das Paradies, ist im Koran eindeutig jenseitig. Der Diesseits-Strang läuft über einen anderen Begriff.
Der Mensch wird als khalīfa eingesetzt — als Statthalter und Treuhänder auf dieser Erde. Das ist kein Warten, sondern eine Zuständigkeit ab sofort.
vgl. Sure 2,30 — nachlesen
Dazu ein viel zitierter Ausspruch Mohammeds: Wer beim Weltuntergang noch einen Setzling in der Hand hält, soll ihn pflanzen, wenn er es noch schafft. Deutlicher lässt sich kaum sagen, dass das Jetzt nicht durch das Ende entwertet wird.
Judentum
Es gibt einen eigenen Begriff für die Zuständigkeit des Menschen: Tikkun Olam, die Reparatur der Welt. In der lurianischen Kabbala zerbrachen bei der Schöpfung die Gefäße; die Aufgabe des Menschen ist es, die verstreuten Funken einzusammeln. Der Mensch ist nicht Zuschauer der Schöpfung, sondern zuständig für ihre Instandsetzung.
Im Talmud heißt es, eine einzige Stunde der Umkehr und guter Taten in dieser Welt sei kostbarer als das ganze Leben der kommenden.
vgl. Pirkei Avot 4,17 — nachlesen
Und Mose formuliert es kurz vor seinem Tod als Wahl, die heute getroffen wird:
„Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, daß du das Leben erwählest.“
5. Mose 30,19 — Luther 1545
Ohne Religion
Man braucht für diesen Gedanken keine Tradition. Er folgt auch aus einer nüchternen Beobachtung: Die Zukunft ist der einzige Zeitpunkt, an dem noch nie jemand gehandelt hat. Alles, was je geschehen ist, geschah in einer Gegenwart.
Die Stoiker haben daraus eine Praxis gemacht, die Verhaltensforschung hat sie später bestätigt: Menschen überschätzen systematisch, wie viel sie später tun werden, und unterschätzen, was heute möglich wäre. Wer auf den richtigen Moment wartet, wartet in aller Regel dauerhaft.
Was daraus folgt
Wenn der Zielzustand nicht in der Zukunft liegt, sondern eine Frage des Verhaltens ist, dann ist er auch nicht fertig zu haben. Er funktioniert wie Demokratie: immer nur so gut wie die Zahl derer, die ihn betreiben.
Und dann ist die Frage nicht mehr, wann es endlich so weit ist, sondern wie viele mitmachen.