Der Weg

Warum so selten

Eine ehrliche Frage verdient eine ehrliche Antwort: Wenn das seit Jahrtausenden bekannt ist, in jeder Buchhandlung steht und sich in zehn Minuten erklären lässt — warum sieht die Welt dann so aus, wie sie aussieht?


Weil Verstehen und Tun zwei verschiedene Dinge sind

Und nur eines davon lässt sich weitergeben.

Eine Einsicht kann man aufschreiben, übersetzen, drucken, verschicken. Sie überquert Kontinente und überlebt Jahrhunderte. Ein verändertes Verhalten kann das nicht. Es muss von jedem Menschen neu erarbeitet werden, es lässt sich nicht vererben, und mit jedem Tod geht es verloren.

Deshalb ist der Text seit dreitausend Jahren verfügbar und die Welt trotzdem, wie sie ist. Es hat nie am Text gelegen.

Der Begriff dafür ist alt

Ein Brief aus dem zweiten Jahrhundert bringt es unfreundlich genau auf den Punkt. Der Verfasser schreibt an einen Schüler, der die Einsicht längst hat und trotzdem weiterlebt wie zuvor. Sein Wort dafür ist nicht Unwissenheit, sondern Ungeübtheit. Und was er empfiehlt, klingt überhaupt nicht mystisch:

„Es ist angemessen für jeden, sich auf viele Arten zu üben.“

Abhandlung über die Auferstehung — Nag Hammadi NHC I,4

Das ist die eigentlich gute Nachricht an dieser Stelle. Es liegt nicht an mangelndem Wissen und nicht an fehlender Begabung. Es ist eine Übungssache — und Übungen haben die angenehme Eigenschaft, dass man heute damit anfangen kann, in klein, ohne Voraussetzung und ohne Erlaubnis.

Und weil es sich schlecht organisieren lässt

Ein zweiter Grund, der weniger oft genannt wird: Diese Schlüssel brauchen keine Institution. Man kann sie nicht verkaufen, nicht verwalten und nicht als Mitgliedschaft ausgeben. Was niemandem nützt, wird auch von niemandem beworben.

Dazu kommt, dass sie sich schlecht zuspitzen lassen. „Fang bei dir an" mobilisiert niemanden gegen irgendwen. Es gibt keinen Gegner, keine Empörung, keine Seite, auf die man sich schlagen könnte — und damit fehlt fast alles, was Ideen normalerweise verbreitet.

Man kann das bedauern. Man kann es aber auch als Hinweis auf die Qualität lesen: Was ohne Feindbild auskommt, hat vermutlich keines nötig.

Was das für die Rechnung bedeutet

Wenn es weder am Wissen liegt noch am Geld — und dass es nicht am Geld liegt, lässt sich auf der Schwesterseite Das Ziel nachrechnen —, dann bleibt nur eine Erklärung übrig: Es liegt daran, wie viele es tun.

Es fehlt kein Wissen.
Es fehlt kein Geld.
Es fehlt die Übung.

Und Übung ist das Einzige davon, an dem sich heute etwas ändern lässt, ohne auf jemanden zu warten.


Aber reicht Übung?

Nein. Und diese Seite wäre unehrlich, wenn sie das behauptete.

Es hat Menschen gegeben, die genau das versucht haben — nicht als Gedanke, sondern als Leben, über Generationen. Zwei dieser Versuche sind gut dokumentiert. Beide werden gern als Beweis dafür zitiert, dass so etwas nicht hält. Sieht man genau hin, zeigen beide etwas anderes.

Die Kibbutzim

Der erste, Degania, entstand 1910: gemeinsames Eigentum, gemeinsame Arbeit, kein individueller Lohn. Der größte und längste Versuch dieser Art in der neueren Geschichte.

Heute rechnen die meisten Kibbutzim mit differenzierten Löhnen. 1995 taten das erst zwei von 249. 2011 waren es 188 von 248.

Der naheliegende Schluss wäre: Die Überzeugung hat nicht gehalten. Nur passt er nicht zum Verlauf. Der Auslöser war kein Sinneswandel, sondern eine Rechenoperation: Israel stellte 1985 seine Wirtschaftspolitik um, bestehende Schulden wurden an die Inflation gekoppelt. Die Kibbutzim hatten wechselseitig füreinander gebürgt — also geriet nicht ein einzelner in Schieflage, sondern die gesamte Bewegung gleichzeitig. Ein Teil der Forschung führt über drei Viertel dieser Verschuldung auf äußere Faktoren zurück, nicht auf Entscheidungen der Kibbutzim selbst.

Und der Teil, der fast nie miterzählt wird: Die Kibbutzim gibt es weiterhin, und es leben mehr Menschen in ihnen als je zuvor — 2023 waren es rund 205.500, ein Höchststand. Rund vierzig von ihnen wirtschaften bis heute vollständig gemeinsam.

Was nachgegeben hat, war die Wirtschaftsform unter einer Schuldenlast. Nicht der Wille der Menschen, so zu leben.

Der Potlatch

An der Nordwestküste Kanadas gab es bei den Kwakwaka'wakw eine Praxis, die dem Ansammeln von Besitz direkt entgegenwirkt: Ansehen entsteht dort nicht durch das, was man behält, sondern durch das, was man weggibt.

Auch dieser Fall wird als Beispiel dafür zitiert, dass sich so etwas nicht hält. Tatsächlich ist er das Gegenteil. Der Potlatch ist nicht verblasst — er wurde verboten. Ab dem 1. Januar 1885 stand die Teilnahme in Kanada unter Strafe. 1921 wurden nach einer Feier fünfundvierzig Menschen verhaftet, zwanzig kamen ins Gefängnis, über sechshundert zeremonielle Gegenstände wurden beschlagnahmt und auf Museen in Ottawa, Toronto, Washington und London verteilt.

Das Verbot bestand sechsundsechzig Jahre und fiel erst 1951. In dieser ganzen Zeit fanden Potlatches im Verborgenen statt. Danach wieder öffentlich. Seit den 1970er Jahren kommen die beschlagnahmten Stücke zurück.

Sechsundsechzig Jahre Strafandrohung haben nicht gereicht. Die Übung war zäher als das Gesetz, das sie verbot.

Was beide Fälle zeigen

Nicht, dass Übung sinnlos wäre. Sondern wo ihre Grenze verläuft. Der Potlatch überstand ein Verbot, weil er im direkten Umgang von Menschen miteinander stattfindet — dort ist Übung stark. Die Kibbutzim änderten ihre Form, als eine Schuldenlast von außen kam — dort reicht Übung nicht, weil sie an dieser Stelle nichts zu greifen hat.

Dieselbe Trennlinie lässt sich für jede einzelne Bedingung eines guten Lebens ziehen, und das Ergebnis ist überraschend deutlich: Alles, was am Anfang und am Ende eines Lebens zählt — Zuwendung für ein Kind, jemand, der zuhört, jemand, der am Sterbebett sitzt —, hängt fast vollständig am Verhalten der Menschen in der Nähe. Es kostet kein Geld, es braucht keine Mehrheit, und es lässt sich durch nichts ersetzen. Was dagegen in der Mitte des Lebens zählt — Arbeit, Wohnung, Absicherung —, hängt an Strukturen, gegen die keine Haltung ankommt.

Übung erreicht das, was zwischen Menschen passiert.
Für den Rest braucht es das, was auf der Schwesterseite steht.

Das ist keine Einschränkung, sondern eine Arbeitsteilung — und die angenehmere Hälfte ist die, die heute anfängt. Auf die andere kann man hinarbeiten. Auf diese nicht: Sie beginnt beim nächsten Menschen, dem du begegnest.

Belege zu den beiden Fällen

Kibbutzim — Zahlen zur Wirtschaftsform. 1995: 2 von 249 Kibbutzim mit differenzierten Löhnen; 2011: 188 von 248. Seit 2005 unterscheidet das israelische Recht zwischen dem kollektiven (shitufi) und dem erneuerten (mitchadesh) Kibbutz.

Raymond Russell, Robert Hanneman, Shlomo Getz: The Renewal of the Kibbutz. From Reform to Transformation. Rutgers University Press 2013, Tabelle 5.1, S. 99

Stand heute. Ende 2022 wirtschafteten 36 Kibbutzim kollektiv oder teilkollektiv (13 %); 2025 waren es rund 40 von 270.

Shlomo Getz, Hana Goldemberg: Kollektive und shizuri-Kibbutzim — Lagebild Ende 2022. Institute for the Research of the Kibbutz and the Cooperative Idea, Universität Haifa 2023 · nachlesen — sowie Avi Shnider, Aviad Rubin, Israel Studies Review 41 (1), 2026, S. 15

Ursache der Schuldenkrise. Ein Teil der Forschung führt 77 % der Verschuldung auf äußere Faktoren zurück, einschließlich der Regierungspolitik.

Aviva Halamish: The Kibbutz and Israeli Society — A Critical Assessment. Israel Studies Review 41 (1), 2026, S. 55

Bevölkerungshöchststand 2023: rund 205.500.

Jahrbuch der Kibbutz-Bewegung Nr. 21, Daten 2023/24, hrsg. von der Wirtschaftsabteilung der Kibbutz-Bewegung, Oktober 2025 · nachlesen

Potlatch-Verbot. Die Änderung des kanadischen Indian Act wurde 1884 beschlossen und trat am 1. Januar 1885 in Kraft; aufgehoben wurde sie 1951. 1921 wurden nach einem Potlatch auf Village Island 45 Menschen verhaftet, 20 inhaftiert, über 600 Regalien beschlagnahmt. Die Rückgabe läuft seit den 1970er Jahren.

U'mista Cultural Centre, Alert Bay, British Columbia — Potlatch Ban und The History of the Potlatch Collection

Was hier bewusst offen bleibt. Ob sich der Potlatch nach dem Kontakt mit Handelswirtschaften verstärkt oder abgeschwächt hat, ist in der Forschung umstritten und wird hier nicht behauptet. Genannt wird nur, was aus den angegebenen Quellen hervorgeht — und ausschließlich für die Kwakwaka'wakw, nicht für andere Völker der Region.

Was andere Traditionen dazu sagen

Judentum. Schimon ben Gamliel sagt, er sei unter Weisen aufgewachsen und habe nichts Besseres gefunden als Schweigen — und fügt hinzu: nicht das Studieren sei die Hauptsache, sondern das Tun. Schammai macht daraus eine Anweisung: Sag wenig und tu viel.

sinngemäß nach Pirkei Avot 1,15 und 1,17 — nachlesen

Christentum. Der Jakobusbrief lässt Bekenntnis allein ausdrücklich nicht gelten: „Also auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er tot an ihm selber." (Jakobus 2,17, Luther 1545)

Islam. Der Koran koppelt an unzähligen Stellen zwei Dinge aneinander und fast nie eines allein: die glauben und gute Werke tun.

Buddhismus. Der Pfad heißt Pfad, weil er begangen wird. Die Lehre gilt traditionell als Floß, das zum Übersetzen dient — nicht als etwas, das man mit sich herumträgt.

China. Konfuzius sagt, er habe früher den Worten der Menschen geglaubt und darauf vertraut, dass ihr Handeln folge; heute höre er ihre Worte und schaue sich ihr Handeln an.

vgl. Lun Yü V,10 — deutsch von Richard Wilhelm (gemeinfrei)