Woran man es merkt
Eine Sache, die man nicht überprüfen kann, ist wenig wert. Deshalb hier zuerst das, was sich beobachten lässt — und erst danach, wie die Traditionen dasselbe beschreiben.
Der einfachste Prüfstein
Es gibt einen Marker, der ohne jede Weltanschauung auskommt und den man an sich selbst beobachten kann:
Du hörst auf, dich zu verhalten, als hättest du keine Zeit.
Weniger aufschieben. Weniger absichern. Weniger anhäufen. Weniger aus Angst entscheiden, mehr aus Klarheit. Das Leben nicht länger auf einen Zeitpunkt danach verschieben. Wenn das weniger wird, wirkt es. Wenn nicht, dann nicht — unabhängig davon, wie erhaben es sich anfühlt.
Das ist kein Versprechen, sondern eine Checkliste.
Was sich sonst noch zeigt
Zwei Dinge zugleich, und erst zusammen ergeben sie ein Bild: in Bewegung sein, ohne getrieben zu sein — und ruhig sein, ohne stehenzubleiben. Wer beides kennt, weiß sofort, was gemeint ist. Wer nur eines hat, merkt es ebenfalls: Getriebenheit ohne Ruhe brennt aus, Ruhe ohne Bewegung erstarrt.
Ansonsten lässt sich fast alles daran ablesen, wie andere Menschen auf einen reagieren. Das ist der ehrlichste Spiegel, den es gibt, und er ist billig zu haben. Wer aufhört, andere für den eigenen Zustand verantwortlich zu machen, merkt binnen Wochen, dass die Leute in seiner Nähe entspannter werden.
Was die Forschung dazu sagt
Einiges davon ist inzwischen untersucht, und zwar unabhängig von jeder Tradition. Dass Geld, das man für andere ausgibt, zuverlässiger zufrieden macht als dieselbe Summe für sich selbst, ist mehrfach bestätigt. Dass anhaltender Groll mit messbar erhöhtem Stressniveau einhergeht, ebenfalls. Und die Achtsamkeitsforschung der letzten Jahrzehnte hat aus einer Übung des Pali-Kanons ein Standardverfahren der Psychotherapie gemacht.
Das beweist nichts über die Traditionen. Es zeigt nur, dass ihre Beobachtungen nicht beliebig waren.
Wie die Traditionen es beschreiben
Such dir aus, was dich angeht. Jede Stelle ist verlinkt — du kannst in deiner eigenen Ausgabe nachlesen.
Christentum
Paulus liefert eine Liste, die man tatsächlich abhaken kann — neun Merkmale, an denen sich zeigt, ob etwas gewachsen ist:
„Die Frucht aber des Geistes ist: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.“
Galater 5,22 — Luther 1545
Und als Maßstab für alles andere:
„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“
Matthäus 7,16 — Luther 1545
Gnosis · Nag Hammadi
Die Jünger stellen im Thomasevangelium genau diese Frage — und die Antwort ist zwei Wörter lang:
„Was ist das Zeichen eures Vaters in euch?“ — „Bewegung ist es und Ruhe.“
Thomasevangelium, Logion 50 — Nag Hammadi NHC II,2
Ein anderer Text traut seinen Lesern noch mehr zu:
„Sagt nun aus dem Herzen, daß ihr der vollkommene Tag seid und daß in euch das unverderbliche Licht wohnt!“
Evangelium der Wahrheit — Nag Hammadi NHC I,3
Und falls das nach schwerer Arbeit klingt:
„Kommt her zu mir, denn sanft ist mein Joch und meine Herrschaft ist mild, und ihr werdet Ruhe für euch finden!“
Thomasevangelium, Logion 90 — Nag Hammadi NHC II,2
Judentum
Ben Zoma beantwortet dieselbe Frage in vier Sätzen, und jeder davon dreht einen gewohnten Begriff ins Erreichbare: Weise ist, wer von jedem Menschen lernt. Stark ist, wer sich selbst im Griff hat. Reich ist, wer sich über seinen Anteil freut. Geehrt ist, wer andere ehrt.
sinngemäß nach Pirkei Avot 4,1 — nachlesen
Reich ist, wer sich über seinen Anteil freut. Das ist keine Vertröstung, sondern eine Definition, die in der eigenen Hand liegt — und heute erfüllbar ist.
China
Das Tao Te King misst nicht am Besitz und nicht am Erfolg über andere, sondern am Verhältnis zu sich selbst:
„Wer andre kennt, ist klug,
Laotse, Tao Te King 33 — deutsch von Richard Wilhelm (gemeinfrei) · nachlesen
Wer sich selber kennt, ist weise.
Wer andere besiegt, hat Kraft,
Wer sich selber besiegt, ist stark.“
Buddhismus
Das Dhammapada beschreibt den Zustand nicht als Gefühl, sondern als etwas, das aufhört: das Festhalten am Groll. Und die Wirkung wird als Ruhe beschrieben, die nicht von außen kommt.
„Es wird ja Feindschaft nimmermehr / durch Feindschaft wieder ausgesöhnt: / Nichtfeindschaft giebt Versöhnung an; / das ist Gesetz von Ewigkeit.“
Dhammapada 5 — deutsch von Karl Eugen Neumann (gemeinfrei)
Islam
Der Koran nennt als Kennzeichen nicht das Bekenntnis, sondern das Verhalten: geben, obwohl man am Besitz hängt; Versprechen halten; in Not standhaft bleiben. Ausdrücklich nicht die Gebetsrichtung.
vgl. Sure 2,177 — nachlesen
Und für den inneren Zustand steht der Begriff itmi'nān — das Zurruhekommen des Herzens.