Der Weg · Schlüssel eins
Behandle andere so, wie du behandelt werden willst.
Wenn es einen Satz gibt, bei dem sich die Menschheit einig ist, dann diesen. Man braucht dafür keinen Glauben — er funktioniert als schlichte Rechenregel für das Zusammenleben.
Was es bedeutet
Auffällig ist die Richtung. Die meisten Fassungen sind negativ formuliert — tu nicht —, und das ist keine Schwäche, sondern klug. Was jemand nicht will, kann man ziemlich zuverlässig erraten. Was jemand will, kaum. Die negative Form schützt vor dem gutgemeinten Übergriff.
Der Satz braucht keine höhere Instanz. Er gilt, weil du dein eigenes Verhalten nicht nach einem Maßstab ausrichten kannst, den du für andere ablehnst, ohne dich selbst zu widerlegen. Das merkt man auch ohne Gott.
Und er ist erstaunlich schwer. Nicht zu verstehen — zu tun, in dem Moment, in dem man müde, gekränkt oder im Recht ist.
Was es bringt
- Es senkt die Zahl der Konflikte, die man selbst verursacht — der größte Anteil an allen, die man erlebt.
- Es macht das eigene Verhalten vorhersagbar. Menschen entspannen sich in der Nähe von jemandem, bei dem sie wissen, woran sie sind.
- Es ist der einzige Punkt auf dieser ganzen Liste, dessen Wirkung man am selben Tag sehen kann.
Wo es in deiner Schrift steht
Such dir aus, was dich angeht. Jede Stelle ist verlinkt — du kannst in deiner eigenen Ausgabe nachlesen.
Judentum
Ein Fremder verlangt von Rabbi Hillel, die ganze Tora erklärt zu bekommen, während er auf einem Bein steht. Hillel lässt sich darauf ein:
Was dir verhasst ist, tu deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora — alles andere ist Auslegung. Geh und lerne.
sinngemäß nach Talmud, Schabbat 31a — nachlesen
Und in der Tora selbst:
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
3. Mose 19,18 — Luther 1545
Christentum
„Alles nun, was ihr wollet, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen; das ist das Gesetz und die Propheten.“
Matthäus 7,12 — Luther 1545
Der Zusatz ist entscheidend: das ist das Gesetz und die Propheten. Also nicht ein Gebot unter vielen, sondern die Zusammenfassung von allem.
Islam
Ein bekannter Ausspruch Mohammeds macht daraus eine Bedingung des Glaubens selbst: Keiner von euch glaubt, bis er seinem Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht.
Und der Koran begründet die Verschiedenheit der Menschen ausdrücklich damit, dass sie einander kennenlernen sollen — nicht damit, dass eine Gruppe über der anderen stünde:
Wir haben euch aus einem Mann und einer Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennt. Der Angesehenste unter euch ist der Aufrichtigste.
sinngemäß nach Sure 49,13 — nachlesen
Buddhismus
Im Udanavarga heißt es, man solle andere nicht auf eine Weise behandeln, die man selbst als verletzend empfände. Der Gedanke gehört zu den Grundlagen der buddhistischen Ethik und begründet auch Ahimsa, das Nichtverletzen.
Belegstelle wird noch gegen die gemeinfreie deutsche Ausgabe von Karl Eugen Neumann geprüft
Hinduismus
Im Mahabharata steht der Satz als Summe aller Pflicht: nichts gegenüber anderen zu tun, was einem selbst Schmerz bereiten würde. Er wird dort ausdrücklich als das Wesentliche bezeichnet, an dem sich alles andere ausrichtet.
Belegstelle wird noch gegen eine gemeinfreie deutsche Ausgabe geprüft
Konfuzianismus
Ein Schüler fragt Konfuzius, ob es ein einziges Wort gebe, nach dem man sein ganzes Leben ausrichten könne:
„Gibt es Ein Wort, nach dem man das ganze Leben hindurch handeln kann?“ Der Meister sprach: „Die Nächstenliebe. Was du selbst nicht wünschest, tu nicht an andern.“
Kungfutse, Lun Yü XV,23 — deutsch von Richard Wilhelm (gemeinfrei) · nachlesen
Bemerkenswert: Auch hier lautet die Antwort nicht „viele Regeln“, sondern ein Wort — genau wie bei Hillel und im Matthäusevangelium, und ohne dass eine dieser Traditionen von der anderen wusste.
Gnosis · Nag Hammadi
Die Jünger fragen im Thomasevangelium nach Fasten, Beten, Almosen und Speisevorschriften — also nach dem religiösen Programm. Die Antwort übergeht das vollständig:
„Lügt nicht! Und das, was ihr haßt, tut nicht.“
Thomasevangelium, Logion 6 — Nag Hammadi NHC II,2
Ohne Religion
Der Satz ist der einzige auf dieser Liste, der auch ohne jede Tradition auskommt. Er lässt sich rein logisch begründen: Ein Maßstab, den du für andere ablehnst, aber für dich beanspruchst, ist kein Maßstab, sondern ein Vorteil. Wer das ausspricht, widerlegt sich im selben Satz.
Kant hat daraus eine Regel gemacht, die ohne Gott funktioniert: Handle so, dass die Regel hinter deinem Handeln für alle gelten könnte.
Und du?
Nicht als Prüfung, sondern als Beobachtung für heute: Gibt es gerade jemanden, den du anders behandelst, als du selbst behandelt werden möchtest? Meist fällt einem dazu innerhalb von fünf Sekunden jemand ein.