Der Weg · Schlüssel drei

Sei da, wo du gerade bist.

Fast jede Tradition kennt einen Satz gegen dasselbe Missverständnis: dass das eigentliche Leben noch bevorsteht und das hier nur die Vorbereitung darauf ist.


Was es bedeutet

Das ist keine Aufforderung, nicht zu planen. Planen ist eine Tätigkeit, die man im Jetzt ausübt. Gemeint ist etwas anderes: der Zustand, in dem man das Leben dauerhaft auf einen späteren Zeitpunkt verlegt — wenn das Projekt fertig ist, wenn die Kinder größer sind, wenn genug übrig bleibt.

Diese Zeitpunkte kommen. Nur ist man dann meist schon beim nächsten.

Bemerkenswert ist, dass sich die Quellen hier gegen ihre eigenen Institutionen stellen. Die Aussicht auf später war immer das wirksamste Mittel, um Menschen im Hier ruhig zu halten. Die Texte selbst geben dafür wenig her.

Was es bringt


Wo es in deiner Schrift steht

Such dir aus, was dich angeht. Jede Stelle ist verlinkt — du kannst in deiner eigenen Ausgabe nachlesen.

Judentum

Die kürzeste Fassung stammt von Hillel, und der letzte Teil ist der schärfste:

„Und wenn nicht jetzt — wann?“

Hillel, Pirkei Avot 1,14 — nachlesen

An anderer Stelle heißt es, eine einzige Stunde der Umkehr und guter Taten in dieser Welt sei kostbarer als das ganze Leben der kommenden.

vgl. Pirkei Avot 4,17 — nachlesen

Christentum

„Darum sorget nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.“

Matthäus 6,34 — Luther 1545

Und auf die Frage, wann das Reich Gottes komme, antwortet Jesus nicht mit einem Zeitpunkt, sondern mit einem Ort:

„Man wird nicht sagen: Siehe hier oder da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“

Lukas 17,21 — Luther 1545
Islam

Die Sufis nennen den Suchenden ibn al-waqt — den „Sohn des Augenblicks“: jemanden, der in der Gegenwart lebt und nicht in seinen Plänen.

Und ein viel zitierter Ausspruch Mohammeds sagt, wer beim Weltuntergang noch einen Setzling in der Hand halte, solle ihn pflanzen, wenn er es noch schafft. Deutlicher lässt sich kaum sagen, dass das Jetzt nicht durch das Ende entwertet wird.

Buddhismus

Achtsamkeit — sati — ist einer der acht Teile des Pfades und meint genau das: bei dem sein, was gerade ist, statt bei dem, was war oder sein könnte. Es ist die am besten untersuchte Übungsanleitung dieser ganzen Liste; die moderne Psychologie hat sie weitgehend übernommen.

Das Bhaddekaratta-Sutta sagt es direkt: Nicht der Vergangenheit nachhängen, nicht auf die Zukunft hoffen — was gegenwärtig ist, klar sehen.

vgl. Majjhima Nikaya 131, Belegstelle wird noch gegen die gemeinfreie Ausgabe von Karl Eugen Neumann geprüft

Hinduismus

Die Bhagavad Gita rät, zu handeln, ohne an der Frucht des Handelns zu kleben — also im Tun zu sein statt im erwarteten Ergebnis. Das ist dieselbe Bewegung: weg vom Später, hin zum Jetzt.

vgl. Bhagavad Gita 2,47, deutsche Ausgabe von Paul Deussen (gemeinfrei), Zitat folgt

Gnosis · Nag Hammadi

Im Thomasevangelium fragen die Jünger, wann das Reich denn nun komme. Die Antwort räumt die Frage weg:

„Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält … sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“

Thomasevangelium, Logion 113 — Nag Hammadi NHC II,2

Und an anderer Stelle, fast ungeduldig:

„Jene, nach der ihr Ausschau haltet, ist bereits gekommen, aber ihr erkennt sie nicht.“

Thomasevangelium, Logion 51 — Nag Hammadi NHC II,2
Ohne Religion

Seneca hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, dass wir nicht zu wenig Zeit haben, sondern viel davon verschwenden — vor allem damit, auf etwas zu warten. Sein Befund: Wer überall ist, ist nirgends.

Und die Achtsamkeitsforschung der letzten Jahrzehnte hat den Effekt inzwischen messbar gemacht — er funktioniert unabhängig davon, ob jemand etwas glaubt.

Und du?

Was schiebst du gerade auf einen Zeitpunkt, von dem du nicht genau sagen kannst, wann er eintritt? Und was davon ließe sich heute in klein anfangen — nicht ganz, nur der erste Schritt?