Der Weg · Schlüssel vier
Halte fest, was bleibt.
Kein Aufruf zur Armut. Es geht um den Unterschied zwischen haben und gehalten werden — und darum, dass man bei einem guten Tausch nichts verliert.
Was es bedeutet
Es geht nicht gegen Dinge. Es geht gegen eine bestimmte Art von Bindung: die, bei der der Verlust einer Sache das eigene Fundament erschüttern würde. Man erkennt sie nicht am Besitz, sondern an der Angst.
Auffällig ist, dass diese Traditionen fast nie auf Verzicht hinauswollen, sondern auf einen Tausch. Der Kaufmann kauft die Perle. Reich ist, wer sich freut. Wer genug hat, hat genug. Das ist eine Rechnung, die aufgeht — kein Opfer.
Und es betrifft nicht nur Besitz. Man kann genauso an Positionen hängen, an Rechthaben, an einem Bild von sich selbst. Das ist meist teurer als alles im Regal.
Was es bringt
- Entscheidungen werden leichter, sobald sie nicht mehr die eigene Existenz zu berühren scheinen.
- Man wird schwerer erpressbar — von Menschen, von Umständen, von der eigenen Angst vor Verlust.
- Es macht großzügig, und Großzügigkeit gehört zu den wenigen Dingen, die sofort auf einen zurückkommen.
Wo es in deiner Schrift steht
Such dir aus, was dich angeht. Jede Stelle ist verlinkt — du kannst in deiner eigenen Ausgabe nachlesen.
Judentum
Ben Zoma dreht den Begriff Reichtum um, und es ist der vielleicht praktischste Satz dieser ganzen Seite: Reich ist, wer sich über seinen Anteil freut.
sinngemäß nach Pirkei Avot 4,1 — nachlesen
An anderer Stelle heißt es, Neid, Begierde und Ehrsucht brächten den Menschen aus der Welt.
vgl. Pirkei Avot 4,21 — nachlesen
Christentum
„Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen, und da die Diebe nach graben und stehlen.“
Matthäus 6,19 — Luther 1545
Die Begründung ist auffällig praktisch: nicht „Besitz ist böse“, sondern „das hält nicht“.
Islam
Der Koran nennt das diesseitige Leben an mehreren Stellen Spiel und Zerstreuung — nicht, um es abzuwerten, sondern um die Verhältnisse zu ordnen. Und er warnt davor, den eigenen Besitz für den eigentlichen Halt zu halten.
vgl. Sure 57,20 — nachlesen
Buddhismus
Die zweite der Vier Edlen Wahrheiten benennt als Ursache des Leidens tanha — Durst, Greifen nach dem, was nicht bleibt. Das ist keine moralische Aussage, sondern eine Diagnose: Man leidet nicht am Verlust, sondern am Festhalten.
Es ist der am klarsten ausgearbeitete Punkt dieser Liste — eine ganze Tradition, die auf dieser einen Beobachtung aufbaut.
Hinduismus
Krishna rät Arjuna in der Bhagavad Gita nicht zum Rückzug, sondern zu etwas Schwierigerem — mitten im Handeln bleiben, ohne am Ergebnis zu kleben:
„Dein Beruf ist es freilich, das Werk zu tun, nicht aber nach seinen Früchten zu streben. Laß nicht die Frucht der Werke deinen Beweggrund sein, aber verfalle auch nicht in Untätigkeit.“
Bhagavad Gita 2,47 — deutsch von Paul Deussen und Otto Strauss, „Vier philosophische Texte des Mahâbhâratam“, Leipzig 1906 (gemeinfrei) · nachlesen
Der letzte Halbsatz ist der wichtigste: Loslassen heißt hier ausdrücklich nicht aufhören.
China
Das Tao Te King macht daraus eine Definition von Reichtum — eine, die niemand von außen erfüllen muss:
„Wer sich durchsetzt, hat Willen,
Laotse, Tao Te King 33 — deutsch von Richard Wilhelm (gemeinfrei) · nachlesen
Wer sich genügen läßt, ist reich.“
Und an anderer Stelle noch deutlicher:
„Kein größeres Übel gibt es
Laotse, Tao Te King 46 — deutsch von Richard Wilhelm (gemeinfrei) · nachlesen
als sich nicht lassen genügen.
Kein schlimmeres Unheil gibt es
als die Sucht nach Gewinn.
Denn: Das Genügen der Genügsamkeit ist dauerndes Genügen.“
Gnosis · Nag Hammadi
Das freundlichste Bild steht im Thomasevangelium. Es beschreibt keinen Verzicht, sondern einen klugen Handel:
„Das Königreich des Vaters gleicht einem Kaufmann, der eine Warenladung hat und der eine Perle fand. Jener Kaufmann war klug; er gab die Warenladung weg und kaufte sich allein die Perle.“
Thomasevangelium, Logion 76 — Nag Hammadi NHC II,2
Der Kaufmann ist nicht ärmer geworden. Er hat getauscht, weil er erkannt hat, was mehr wert ist.
Ohne Religion
Epikur, dem man zu Unrecht Maßlosigkeit nachsagt, hat das Gegenteil gelehrt: Reichtum bemisst sich nicht daran, wie viel man hat, sondern daran, wie wenig man braucht. Wer seine Bedürfnisse kennt, ist mit wenig zufrieden — wer sie nicht kennt, mit nichts.
Die Verhaltensökonomie hat dazu einen Namen: hedonistische Anpassung. Menschen gewöhnen sich an fast jede Verbesserung ihrer Lage und kehren zu ihrem Ausgangsniveau zurück. Das ist keine Weisheit, das ist ein gut belegter Effekt.
Und du?
Gibt es etwas, dessen Verlust dich unverhältnismäßig treffen würde — nicht schmerzhaft, sondern unverhältnismäßig? Das muss man nicht sofort loslassen. Es reicht fürs Erste, es zu bemerken.