Der Weg · Schlüssel sechs

Lass gut sein.

Vergebung steht in fast jeder Tradition doppelt drin: als etwas, das von dir erwartet wird, und als etwas, das dir zugesagt wird. Beides ist in mehreren Quellen ausdrücklich aneinander gekoppelt.


Was es bedeutet

Vergeben heißt nicht gutheißen. Es heißt auch nicht vergessen, und in keiner dieser Quellen heißt es, sich weiter verletzen zu lassen. Es heißt: aufhören, die Rechnung offen zu halten.

Der Grund dafür ist erstaunlich unsentimental. Groll kostet Aufmerksamkeit, und zwar dauerhaft und nur bei einem selbst. Der andere merkt in der Regel nichts davon. Man bedient einen Kredit, den man selbst aufgenommen hat.

Und ein Detail, das mehrere Traditionen teilen: Vergebung wird nirgends als Gefühl beschrieben, das sich einstellen muss. Sie ist eine Entscheidung, und das Gefühl kommt später oder gar nicht. Das macht sie machbar.

Was es bringt


Wo es in deiner Schrift steht

Such dir aus, was dich angeht. Jede Stelle ist verlinkt — du kannst in deiner eigenen Ausgabe nachlesen.

Judentum

Jom Kippur, der höchste Feiertag, versöhnt ausdrücklich nur, was zwischen Mensch und Gott steht. Was zwischen zwei Menschen liegt, muss zwischen diesen beiden geklärt werden — kein Ritual nimmt einem das ab.

Und Schmuel HaKatan zitiert gegen die Schadenfreude:

Freu dich nicht, wenn dein Feind fällt, und dein Herz frohlocke nicht, wenn er stürzt.

sinngemäß nach Pirkei Avot 4,19, zitiert aus Sprüche 24,17 — nachlesen

Christentum

Im meistgesprochenen Gebet der Welt steht die Kopplung mitten drin — man bittet um Vergebung in dem Maß, in dem man selbst vergibt. Direkt danach wird es ausbuchstabiert:

„Denn so ihr den Menschen ihre Fehle vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.“

Matthäus 6,14 — Luther 1545
Islam

Der Koran stellt dieselbe Frage — und stellt sie an Menschen, die gerade allen Grund hätten, nachtragend zu sein:

Sie sollen verzeihen und nachsehen. Wollt ihr denn nicht, dass Gott euch vergibt?

sinngemäß nach Sure 24,22 — nachlesen

Zwei der Namen Gottes sind Vergebungsnamen: al-Ghafūr, der Verzeihende, und al-ʿAfuww, der Nachsichtige, der die Schuld nicht nur verzeiht, sondern auslöscht.

Buddhismus

Das Dhammapada begründet es ohne jede höhere Instanz, rein praktisch. Erst die Beobachtung, woran man festhält:

„Gescholten hat man mich, verletzt, / hat mich besiegt, hat mich verlacht — / wer solchen Sinn im Herzen hegt, / von Feindschaft lässt er nimmer ab.“

Dhammapada 3 — deutsch von Karl Eugen Neumann, „Der Wahrheitpfad“ (gemeinfrei)

Und dann der Schluss daraus, ohne Gott, ohne Gericht, ohne Belohnung:

„Es wird ja Feindschaft nimmermehr / durch Feindschaft wieder ausgesöhnt: / Nichtfeindschaft giebt Versöhnung an; / das ist Gesetz von Ewigkeit.“

Dhammapada 5 — deutsch von Karl Eugen Neumann, „Der Wahrheitpfad“, München 1921 (gemeinfrei) · nachlesen
Hinduismus

Im Mahabharata gilt kshama, die Geduld im Sinne von Nachsicht und Vergebungsbereitschaft, als eine der höchsten Tugenden — sie wird dort als das beschrieben, was den Starken vom Gewalttätigen unterscheidet.

Belegstelle wird noch gegen eine gemeinfreie deutsche Ausgabe geprüft

Gnosis · Nag Hammadi

Das Thomasevangelium setzt noch davor an — beim Verhältnis, aus dem Vergebung leicht wird:

„Liebe deinen Bruder wie deine Seele, hüte ihn wie deinen Augapfel.“

Thomasevangelium, Logion 25 — Nag Hammadi NHC II,2
Ohne Religion

Marc Aurel, römischer Kaiser und Stoiker, notierte für sich selbst: Die beste Art, sich zu rächen, sei, dem anderen nicht ähnlich zu werden. Das ist Vergebung ohne jede Metaphysik — als Selbstschutz.

Die Psychologie hat den Zusammenhang inzwischen gut untersucht: Anhaltender Groll geht mit messbar erhöhtem Stressniveau einher. Vergebungsbereitschaft wirkt dem entgegen — beim Vergebenden, unabhängig davon, ob der andere davon erfährt.

Und du?

Gibt es eine Rechnung, die du offen hältst? Und — die ehrlichere Frage — was hättest du davon, sie zu schließen? Nicht für den anderen. Für dich.