Der Weg · Schlüssel fünf
Kümmere dich um die, denen es schlechter geht.
Von allen sieben Schlüsseln ist das der am wenigsten strittige und der am häufigsten wiederholte. In mehreren Traditionen ist er keine Empfehlung, sondern Pflicht — und mehrfach steht er ausdrücklich über dem religiösen Ritual.
Was es bedeutet
Bemerkenswert ist, wie oft dieser Punkt gegen die eigene Religion in Stellung gebracht wird. Der Koran räumt die Gebetsrichtung ab. Matthäus fragt im Gericht nicht nach dem Glauben. Die Propheten des Alten Testaments werfen dem Tempelbetrieb vor, Opfer zu bringen statt zu helfen.
Und überall geht es um Handlung, nicht um Empfindung. Mitgefühl, das nichts tut, kommt in keiner dieser Quellen gut weg.
Der Maßstab ist dabei angenehm unspektakulär: Essen, Kleidung, ein Besuch, jemanden aufrichten, der aufstehen will. Nichts davon erfordert Heldentum. Das meiste erfordert nur, dass man hinschaut.
Was es bringt
- Es ist die zuverlässigste bekannte Methode, aus dem Kreisen um die eigenen Sorgen herauszukommen — nicht durch Verdrängung, sondern weil die Aufmerksamkeit woanders gebraucht wird.
- Es schafft Verbindungen, und Verbindungen sind das, worauf man zurückgreift, wenn man selbst einmal unten ist.
- Es ist der einzige Punkt, dessen Wirkung nicht nur bei dir ankommt.
Wo es in deiner Schrift steht
Such dir aus, was dich angeht. Jede Stelle ist verlinkt — du kannst in deiner eigenen Ausgabe nachlesen.
Judentum
Tzedaka heißt nicht „Almosen“, sondern kommt von tzedek, Gerechtigkeit. Geben ist demnach keine Milde, sondern das Ausgleichen einer Schieflage.
Und in der Mischna steht der Satz, wer ein einziges Leben rette, habe eine ganze Welt gerettet.
vgl. Mischna Sanhedrin 4,5 — nachlesen
Christentum
Im Matthäusevangelium wird das Weltgericht beschrieben. Gefragt wird nicht nach Bekenntnis, nicht nach Gebet, nicht nach Rechtgläubigkeit — sondern nach Essen, Trinken, Kleidung, Krankenbesuch und Gefängnis:
„Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Matthäus 25,40 — Luther 1545
Islam
Der Koran hat dafür einen der klarsten Verse überhaupt. Er beginnt damit, die äußere Form ausdrücklich abzuräumen:
Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr eure Gesichter nach Osten oder Westen wendet. Fromm ist, wer an Gott glaubt und vom Vermögen — bei aller Liebe dazu — den Verwandten gibt, den Waisen, den Bedürftigen, dem Reisenden, den Bittenden, und für die Freilassung von Gefangenen.
sinngemäß nach Sure 2,177 — nachlesen
Die Almosenabgabe zakāt ist eine der fünf Säulen des Islam — also keine gute Tat, sondern Grundbestand. Und Sure 5,32 greift den Satz aus der Mischna auf: Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Menschheit.
vgl. Sure 5,32 — nachlesen
Buddhismus
Karuna, Mitgefühl, ist eine der vier Grundhaltungen. Der Bodhisattva verzichtet ausdrücklich auf das eigene Ziel, solange andere noch leiden — die radikalste Formulierung dieses Gedankens in irgendeiner Tradition.
Dana, das Geben, steht am Anfang des Übungswegs, nicht am Ende. Es ist die erste der Vollkommenheiten.
Hinduismus
Dana gehört auch hier zu den Grundpflichten, und die Gastfreundschaft ist es in besonderem Maß: Der Gast gilt als göttlich — atithi devo bhava. Wer an die Tür kommt, wird versorgt, unabhängig davon, wer er ist.
Taittiriya Upanishad 1,11 — deutsche Ausgabe von Paul Deussen (gemeinfrei), Zitat folgt
Gnosis · Nag Hammadi
Auch der als weltabgewandt geltende gnostische Text wird an dieser Stelle sehr konkret — es ist die praktischste Passage der ganzen Sammlung:
„Macht fest den Fuß derer, die gestrauchelt sind, und streckt eure Hände aus zu denen, die krank sind! Speist die, die hungrig sind, und gebt Ruhe den Geplagten, und richtet die auf, die aufstehen wollen, und weckt die, die schlafen!“
Evangelium der Wahrheit — Nag Hammadi NHC I,3
Ohne Religion
Dieser Punkt ist der am besten untersuchte der ganzen Liste. Dass Helfen dem Helfenden nachweisbar guttut, ist keine Behauptung einer Tradition, sondern ein wiederholt bestätigter Befund der Sozialpsychologie — Geld für andere auszugeben macht messbar zufriedener als dieselbe Summe für sich selbst.
Und ganz ohne Moral: Eine Gesellschaft, in der niemand ins Bodenlose fällt, ist auch für die sicherer, denen es gerade gut geht. Niemand weiß, auf welcher Seite er in zehn Jahren steht.
Und du?
Kennst du gerade jemanden, dem es schlechter geht als dir? Nicht in der Welt — im Umkreis von ein paar Kilometern. Und was wäre die kleinste Sache, die du diese Woche dafür tun könntest? Klein zählt. Die Quellen verlangen nirgends groß.